19.11.2020

#15 Dr. med. Parasympathikus – atemlos?

Der vorherige Blogartikel hat Ihnen erklärt, was wir unter „gesunder Regulation“ verstehen und was ein gut aus-balanciertes vegetatives Nervensystem mit Sympathikus und Parasympathikus für unsere Gesundheit bedeutet. Die Qualität dieser gesunden Regulation ist messbar mit der innovativen Messmethode der HRV Messung – der HerzRatenVariabilität.

Als Ärztin, die sich mit dem Thema autonome Regulation beschäftigt und auch als Autorin zum Thema Atmung und HRV-Messung, werde ich in letzter Zeit immer wieder gefragt, ob die MNS – Masken dem Menschen evtl. schaden könnten. Diese Frage kann ich nicht erschöpfend beantworten, dem System der HRV Messung kann ich aber zumindest darstellen, wie sich das Masken-Tragen auf die Regulation auswirkt – also wie sehr der Sympathikus und der Parasympathikus (Vagus-Nerv) in ihrer, sich an Umwelt-Bedingungen anpassenden Regulation, beeinträchtigt werden.

Es folgen hier nun drei Beispiele von Kurzzeit-HRV-Messungen über jeweils ca. 5 Minuten bei drei unterschiedlichen Patienten. Aufgezeichnet wurden je zwei Messungen – zunächst ohne Maske und danach mit MNS. Verwendet wurden die einfachen hellblauen Papiermasken, die im medizinischen Versandhandel gekauft wurden.

Um die Aufzeichnungen verstehen zu können brauchen Sie noch einige Informationen:

Aufgezeichnet wird die sogenannte Herzrate – das ist die Veränderlichkeit der Abstände zwischen den Herzschlägen. Diese Veränderlichkeit sollte deutlich zu erkennen und synchron zur Atmung sein. Je regelmäßiger das „Auf und Ab“ (Auf = Einatmung / Ab = Ausatmung) und je bewegter das „Auf und Ab“ des oberen Randes der Kurve ist desto optimaler ist das Ergebnis der HRV Messung und desto besser ist die autonome Regulation – also die Anpassungsfähigkeit des Organismus an sich verändernde Bedingungen. Beim Einatmen bewegt sich der obere Rand der Kurve nach oben – die Herzrate wird höher, der Puls schneller. Beim Ausatmen passiert im besten Fall das Gegenteil: Die Kurve bewegt sich nach unten, der Puls wird langsamer, die Herzrate wird niedriger. Man nennt das die „respiratorische Sinus-Arrhythmie“ und diese ist ein Gradmesser für die Regulationsfähigkeit eines Organismus. Sie attestiert die Qualität der autonomen Regulation zwischen Sympathikus (Stress) und Parasympathikus (Regeneration).

(Die farbigen Linien in den Diagrammen sind Artefakte und können hier ignoriert werden.)

Beispiel 1:

Weiblich 56 Jahre mit chronischer Grunderkrankung und einer sofort und unmittelbar gefühlten Panik-Reaktion mit Schwindel und Schweißausbruch beim Tragen eines MNS:

Erste Messung ohne Maske: Hier lassen sich schon ohne Maske deutliche Einschränkungen der HRV erkennen – die Kurve sollte in ihrem Auf und Ab um Einiges „bewegter“ (höhere Amplitude) und variabler sein - synchron zur Atmung. Beispiel 1 - Messung ohne Maske

Zweite Messung mit Maske: Beim Tragen der Maske flacht sich die HRV-Kurve fast gänzlich ab. Die Herzrate reagiert nicht mehr auf die Atmung. Das ist eine deutliche Regulations-Einschränkung und damit, getragen über einen längeren Zeitraum, eine gesundheitsgefährdende Situation.

Beispiel 1 - Messung mit Maske

Beispiel 2:

Weiblich 54 Jahre keine Vorerkrankungen.

Erste Messung ohne Maske: Das Ergebnis der HRV Messung mit altersentsprechender nur leichter Einschränkung der Herzratenvariabilität. Beispiel 2 - Messung ohne Maske

Zweite Messung mit Maske: Das Ergebnis der HRV Messung ändert sich zwar mit Maske zum Negativen (die Wellenberge werden etwas flacher), aber nur sehr gering – hier können die Beeinträchtigungen durch MNS-Maske gut kompensiert werden – zumindest über die kurze Zeitspanne der 5 minütigen HRV Aufzeichnung in Ruhe im Sitzen.

Beispiel 2 - Messung mit Maske

Beispiel 3:

Männlich 10 Jahre alt, mit diagnostiziertem Asthma.

Erste Messung ohne Maske: Für sein Alter (in diesem Alter würden wir eine deutliche atemabhängige Herzratenvariabilität mit regelmäßigen Wellenbergen erwarten) ist das Ergebnis der HRV-Messung etwas zu flach und zu wenig regelmäßig - also eingeschränkt. Beispiel 3 - Messung ohne Maske

Zweite Messung mit Maske: Durch das Tragen der Maske verschlechtert sich die Herzratenvariabilität: V.a. in der ersten Hälfte des Messzeitraumes flacht die Kurve ab und die Regelmäßigkeit der Herzrate, die schon bei der ersten Messung reduziert war, geht in der zweiten Messung über den gesamten Messzeitraum weiter verloren. Im Zusammenhang gesehen mit der bekannten Asthma-Diagnose kann ein solches Messergebnis hinweisend sein für eine gesundheitsgefährdende Situation v.a. dann, wenn die Maske über Stunden hinweg getragen werden müsste. Auch diese Messung fand unter Ruhe-Bedingungen im Sitzen statt.

Beispiel 3 - Messung mit Maske

Mit der Technik der HRV Messung kann man also einen Einblick dahingehend gewinnen, wie sehr uns das Tragen einer Maske gesundheitlich beeinträchtigt oder auch nicht. Dazu ist Folgendes wichtig:

Ob und wie sehr uns der MNS in Bezug auf die autonome Regulation schadet ist sehr individuell und sicherlich auch abhängig von der Tragedauer der Maske. Natürlich spielen Vorerkrankungen eine Rolle, v.a. Erkrankungen des Atmungs- und des Herz- Kreislaufsystems. Auch die körperliche Belastung beim Tragen der Maske hat eine große Bedeutung. Wie schon erwähnt wurden alle hier gezeigten Messungen unter Ruhe- und Kurzzeitbedingungen vorgenommen.

Fazit:

Meines Erachtens kann man weder sagen, das Tragen der Maske schadet niemandem und genauso wenig kann man sagen, diese Maßnahme schadet jedem. Und auch kann man aus ärztlicher Sicht nicht sagen, dass nur bei bestimmten medizinischen Diagnosen der MNS gesundheitliche Probleme verursacht und bei anderen Diagnosen nicht.

Jeder Mensch hat eine individuell ausgeprägte Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Umweltbedingungen und deshalb reagiert auch jeder Mensch anders an die Atmungs-Einschränkungen, die zweifellos beim Maske-Tragen gegeben ist. Nicht jedem Menschen schadet das Tragen des MNS, zumindest nicht, wenn es sich nur um eine kurze Zeitspanne handelt und keine körperliche Belastung dazu kommt. Es gibt aber Menschen, die aufgrund ihrer persönlichen Regulations-Einschränkungen (aus welchem Grund auch immer – körperlicher oder auch psychischer Art) durch das Tragen eines MNS deutliche gesundheitliche Probleme bekommen. Bei diesen Menschen kommt zur schon gegebenen gesundheitlichen eingeschränkten Ausgangssituation auch noch der Stress durch Einschränkung der Atmung und nicht zuletzt auch der Stress durch die Reaktion der Umwelt auf das eventuelle Nicht-Tragen oder notwendige Abnehmen der Maske hinzu.

In allen Fällen: Machen Sie Parasympathikus-Training! Gleichen Sie die Einschränkungen mit regelmäßigen Aus-Atemübungen aus. Jede Stunde zweimal 3 Minuten lang auf diese Weise atmen: Sie zählen mit beim Atmen: 4 Sekunden Einatmen – 6 Sekunden Ausatmen – 1 Sekunde kurz die Luft anhalten. Weiter geht’s wieder von vorne. Weitere Tipps dazu finden Sie im Buch.

Noch ein Hinweis für die Technik-Freaks unter den Lesern dieses Blogs:

Am 14.01.2020, also lange bevor es um die MNS-Thematik ging, haben wir hier auf der Parasympathikus-Seite den Blog Nr. 6 veröffentlicht. Thema dieses Blog-Beitrags: Viele unter Ihnen haben ein HRV Messsystem schon längst am Handgelenk und messen diese Werte seitdem ständig, ohne es zu wissen. Schauen Sie doch mal nach an Ihrem Handgelenk– vielleicht bekommen Sie neue Erkenntnisse darüber, ob und wie sehr Ihre persönliche Regulationsfähigkeit durch das Tragen eines MNS beeinträchtigt ist.

Mein Appell: Nehmen Sie bitte den ganzen Stress aus den Diskussionen heraus und nehmen Sie Rücksicht aufeinander. Auch auf die Menschen, die große Schwierigkeiten haben beim Tragen der Maske.

Herzlichst, Ihre Dr. Ursula Eder

Dr. med. Ursula Eder