18.11.2020

#14 Dr. med. Parasympathikus ist Ihr „Innerer Arzt“ für Gesundheit - was hat dieser mit Ihrer gesunden Atmung zu tun?

„Atmen“ bedeutet nicht nur Zufuhr von Sauerstoff beim Einatmen und Abatmung von CO2 beim Ausatmen – eine gesunde Atmung ist ein wichtiger Schlüssel für unsere Gesundheit - weit wichtiger, als Sie ahnen. Vielleicht sind Sie (Leistungs-)Sportler? Möglicherweise sind Sie Yoga begeistert? Oder sind Sie eventuell auch Hebamme oder haben selbst ein Kind geboren?

Die Menschen, die zu einer dieser Gruppen gehören – oder auch zu einer beliebigen anderen Gruppe mit ähnlichen Interessen – wissen, wie wichtig eine gesunde Atmung ist. Die ausreichende Sauerstoff Ein- und die CO2 Abatmung sind der eine Aspekt. Der andere, genauso wichtige Aspekt der gesunden Atmung ist die Aufrechterhaltung der autonomen Regulation in unserem vegetativen Nervensystem. Dieses besteht aus zwei miteinander arbeitenden Anteilen, dem Sympathikus und dem Parasympathikus, dessen größter Anteil der „Vagus-Nerv“ ist. Man nennt ihn auch den „großen Ruhe-Nerv“.


Befinden wir uns in einer Stress-Situation überwiegt die Aktivität des „Sympathikus“. Das ist im Grunde eine gute Sache, denn die Wirkung des „Sympathikus“ ermöglicht uns das ÜBERLEBEN in einer Not-Situation – Stichwort Angriff oder Flucht.

Sind aber unsere Lebensumstände so, dass wir keine akut bedrohliche Situation vor uns haben, dann können die „parasympathischen“ Anteile der autonomen Regulation ihre Arbeit wieder vermehrt aufnehmen und für Regeneration sorgen. Mit Hilfe des großen Ruhe-Nervs „Vagus“ gelingt es unserem Körper - und damit jeder Zelle - herauszukommen aus dem Stress und damit kann der große Ruhe-Nerv die verbrauchten Ressourcen wiederaufbauen.

Was ist der Effekt, wenn der „Sympathikus“- also der Stress-Anteil in der autonomen Regulation unsere Atmung steuert? Einfacher gefragt: Was passiert mit unserer Atmung, wenn wir unter Stress stehen? Manche Menschen ziehen vermehrt die Schultern hoch. Andere verkrampfen dazu auch noch ihre Bauch-, Brust-, Rücken- und Kaumuskulatur. Das sind „Nebeneffekte“ der autonomen Regulation im Sympathikus aktivierten Zustand – also im Stressmodus, die die Atmung indirekt beeinflussen. Dazu kommt auch noch die direkte Wirkung des Sympathikus auf die Atmung: Diese wird oberflächlich und es wird die gesunde Aus-Atmung vernachlässigt. Genau diese Ausatmung aber würde unseren Parasympathikus und damit den Ressourcenaufbau stärken. Die Folge davon: Die Herz-Raten-Variabilität, die ein Indikator für unsere vegetative Regulationsleistung ist, geht verloren. Das bedeutet, die „Anpassungsfähigkeit“ des autonomen Nervensystems an jeden Moment unseres Lebens ist eingeschränkt. Für eine kurze Zeitspanne ist das in den meisten Fällen kein Problem, denn die Regenerationsfähigkeit des Organismus ist enorm, v.a. wenn wir noch jung sind. „Stress-Atmung“ aber, v.a. über einen langen Zeitraum hinweg, kann durchaus zu einem erheblichen gesundheitlichen Problem werden und besonders dann, wenn wir sowieso schon in unserer „Regulationsfähigkeit“ eingeschränkt sind. Leidet jemand an einer chronischen Erkrankung ist in den meisten Fällen auch die Regulation im autonomen (sich selbst anpassenden) Nervensystem eingeschränkt. Auch psychische Erkrankungen verursachen eine erhebliche Einschränkung der Regulationsfähigkeit.

Die Messbarkeit und damit die Darstellbarkeit dieser Regulationsleistung ermöglicht uns die qualitative Beurteilung der (über-) lebenswichtigen Vorgänge in unserem Körper. Die Qualität dieser Regulation betrifft schließlich die Funktion jeder Zelle: Muskeltonus, Immunsystem, Verdauung, Kreislaufregulation, Hormonregulation u.v.m. Wie oben schon erwähnt ist die Methode dafür die Messung der Herzratenvariabilität (HRV). Die genannten Gruppen: (Leistungs-) Sportler und Hebammen kennen die Methode der HRV Messung. Der Geburtsvorgang wird mit dem CTG – dem Cardio-Toko-Gramm überwacht. Damit werden die Herztätigkeit des Ungeborenen und die Wehentätigkeit der Mutter gemessen und kontinuierlich aufgezeichnet. Ein Kriterium dafür, wie es dem Baby während des Geburtsvorganges geht, ist die Qualität seiner Herzratenvariabilität. Ist diese eingeschränkt ist das ein Zeichen dafür, dass es dem Ungeborenen aktuell nicht gut geht, es unter „Stress“ steht, es sich eventuell sogar um eine lebensbedrohliche Situation handelt – eine Intervention im Geburtsablauf wird dann meist nötig. Auch Leistungssportler sind in vielen Fällen vertraut mit dieser Technik. Gezieltes Training unter HRV- optimierten Trainingsbedingungen ist weitaus effektiver für den Trainingserfolg als Training ohne diese Unterstützung. In unserem Buch spricht darüber ein in der HRV-Anwendung versierter Betreuer von hochrangigen Sportlern aus der österreichischen Nationalmannschaft der Langläufer. Auch hier auf dieser Parasympathikus-Seite, im Blogbeitrag vom 21.09.2020, kommt Joseph Tatschl zu einem anderen wichtigen Thema in diesem Zusammenhang zu Wort.

Als Ärztin, die sich mit dem Thema autonome Regulation beschäftigt und auch als Autorin zum Thema Atmung und HRV-Messung, werde ich in letzter Zeit immer wieder gefragt, ob das Tragen der MNS – Masken dem Menschen und seiner Gesundheit schaden. Diese Frage kann ich eindeutig weder mit einem Ja noch mit einem Nein beantworten. Mit dem System der HRV Messung kann ich aber zumindest darstellen, wie sich das Masken-Tragen auf die Regulation auswirkt – also wie sehr der Sympathikus und der Parasympathikus (Vagus-Nerv) in ihrer, sich an Umwelt-Bedingungen anpassenden Regulation, beeinträchtigt werden.

Im nächsten Blog-Beitrag möchte ich Ihnen Beispiele von drei Patienten und deren HRV Messergebnissen zeigen. Es wurden bei jedem der Probanden zwei Messungen gemacht – eine mit und eine ohne MNS - Maske. Mit Hilfe der Messergenbisse kann man einschätzen, ob und wie sehr sich die Herzrate und damit die autonome Regulation, durch das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes verändern. Dieser nächste Blog-Beitrag erscheint schon morgen auf dieser Seite.

Herzlichst, Ihre Dr. Ursula Eder

Dr. med. Ursula Eder