21.09.2020

#13 Gastbeitrag von Josef Martin Tatschl: HRV Biofeedback in der stationären psychiatrischen Rehabilitation - Wie die gezielte Aktivierung des Parasympathikus mit Hilfe der Resonanzatmung den Therapieerfolg in der Depressionsbehandlung verbessern kann.

Josef Martin Tatschl ist Psychologe und zertifizierter Experte für klinische Psycho-Neuro-Immunologie (KPNI). Bis zum Alter von 25 Jahren hat er Spitzensport (Sportklettern, Skilanglauf und Radsport) betrieben und bei einer Vielzahl von nationalen und internationalen Wettkämpfen Spitzenplatzierungen bis hin zum nationalen Meistertitel erreicht. Seine Ausbildungen und seine langjährigen persönlichen Erfahrungen machen ihn zum Experten für legale Leistungssteigerung – vom Gesundheitssportler bis zum Olympiateilnehmer sowie von jedem, der seine Vitalität bzw. Gesundheit natürlich verbessern möchte. In seiner Arbeit integriert er HRV-Biofeedback-Training und -Diagnostik, Atemtraining Achtsamkeitstraining Ernährungscoaching nach KPNI und selbst entwickelte ganzheitliche Verfahren. Zurzeit berät er einige Spitzensportler sowie Trainer nationaler Sportverbände.

Weitere Infos unter www.joseftatschl.com sowie auf Facebook unter https://www.facebook.com/tatschl.josef.3

Depressionen betreffen weltweit knapp 300 Millionen Menschen und stellen somit einen bedeutenden Anteil der globalen Krankheitslast dar. Zu den Kernsymptomen der Depression zählen sowohl psychologische als auch körperliche Symptome, wie Traurigkeit, Energieverlust, Interessenverlust, Einschränkung in der kognitiven Leistungsfähigkeit oder auch Änderungen des Appetits. Nachvollziehbarerweise sind Betroffene in ihrer psychosozialen Funktionstüchtigkeit häufig stark eingeschränkt, wobei das Ausmaß des letzteren klarerweise mit der Schwere der Symptome zunimmt. Ein ganz wesentliches Phänomen, das bei depressiven Personen beobachtet werden kann, ist die deutlich eingeschränkte Aktivität bzw. Funktionstüchtigkeit des parasympathischen Nervensystems und zeigt sich beispielsweise in einer eingeschränkten Herzratenvariabilität (HRV) Depressiver verglichen mit Gesunden.

Die HRV beschreibt das Phänomen fluktuierender Zeitabstände aufeinanderfolgender Herzschläge und ist Ausdruck der Regulationskapazität des autonomen Nervensystems. Sie wird in wesentlichen Teilen durch die kardiale Kontrolle des Nervus Vagus, dem wesentlichen Effektor des Parasympathikus bestimmt, wodurch eine hohe HRV, eine hohe vagale Aktivität und eine flexible autonomen Regulation indiziert. Der beobachtete Zusammenhang zwischen HRV und depressiver Symptomatik lässt sich darauf zurückführen, dass bestimmte Gehirnareale sowohl für die emotionale Regulationsfähigkeit als auch für die Steuerung des autonomen Nervensystems mitverantwortlich sind. Dementsprechend wertvoll ist die gezielte Steigerung der HRV bei depressiver Symptomatik.

Eine empirisch belegte Methode, um die HRV und damit die Vagus-Aktivität zu maximieren, ist das sogenannte Herzratenvariabilitäts-Biofeedback (HRV Biofeedback). Hierbei spielt die Atmung eine entscheidende Rolle, da sie einen großen Einfluss auf die Aktivität des autonomen Nervensystems hat. Bemerkenswerterweise führt eine bestimmte Atemfrequenz zu einer Maximierung der vagalen Aktivität und somit der HRV. Aufgrund der kardiovaskulären Resonanz wird diese Atemweise auch resonantes Atmen genannt, wobei die Resonanzfrequenz im Mittel bei sechs Atemzügen pro Minute liegt. Entscheidend ist, dass es interindividuelle Unterschiede bezüglich der optimalen Frequenz und Tiefe der Atmung gibt, die zu einem maximalen Anstieg der HRV führt, wobei auch das Verhältnis der Dauer von Ein-/Ausatmung berücksichtigt werden muss. Beim HRV Biofeedback wird das optimale Resonanz-Atemmuster erreicht, indem die HRV während des Atemtrainings (meist visuell) rückgemeldet wird, wodurch Personen sukzessive erlernen ihre vagale Aktivität zu maximieren. Mittlerweile gibt es auch tragbare HRV Biofeedback-Geräte, mit denen Personen jederzeit und ortsungebunden ihre Resonanzatmung trainieren können (Abb. 1).


Abb. 1: Ein tragbares HRV-Biofeedback Gerät der Firma Biosign. Mit Hilfe eines optischen Sensors wird die Herzrate am Daumenballen erfasst und somit die HRV ermittelt. Ein visuelles Feedback zeigt an wie gut es der/dem Übenden gelingt die HRV zu erhöhen. Das Spektrum des Feedbacks reicht von Rot bis Grün, wobei letzteres eine hohe und ersteres eine niedrige HRV darstellt. Somit können die Übenden gezielt ihre individuelle Resonanzatmung erlernen.

In den letzten 15 Jahren konnten bereits einige Studien die Wirksamkeit von HRV Biofeedback zur Behandlung depressiver Symptome zeigen. Jedoch blieb bisher ungeklärt, ob dessen Einsatz einen zusätzlichen therapeutischen Nutzen generieren kann, wenn PatientInnen bereits ein „state-of-the-art“ Therapieprogramm erhalten. Um diese Frage beantworten zu können, wurden PatientInnen einer stationären psychiatrischen Rehabilitation zufällig einer Kontrollgruppe oder eine Interventionsgruppe zugeteilt. Während die Kontrollgruppe das übliche Standardtherapieprogramm absolvierte, erhielt die Experimentalgruppe zusätzlich HRV Biofeedback. Am Ende des 5-wöchigen Reha-Aufenthaltes zeigten beide Gruppen eine starke Reduktion der depressiven Symptomatik, wobei die HRV Biofeedback-Gruppe eine signifikant größere Verbesserung in der Depressivität verzeichnete. Zusätzlich konnten nur die PatientInnen der Experimentalgruppe, also jene die regelmäßig HRV Biofeedback praktizierten, ihre HRV steigern.

Diese Befunde zeigen erstmals, dass HRVBF unabhängig von Art und Umfang aktueller Therapien, als komplementäre Intervention in der Depressionsbehandlung geeignet ist. Insbesondere deshalb, da HRVBF im Gegensatz zu den aktuellen Standardtherapien, die Funktionsfähigkeit des parasympathischen Nervensystems wieder herzustellen scheint.

Abschließend soll erwähnt werden, dass Stress und dessen negative Effekte einen beträchtlichen Anteil an der Entstehung von depressiven Störungen haben können. Im Sinne der Prävention, kann ich Ihnen HRV Biofeedback bzw. regelmäßiges resonantes Atmen ans Herz legen, um sich wirksam für den oft stressvollen Alltag zu wappnen und so möglichen Folgeerkrankungen vorzubeugen.

Nicht umsonst heißt es: „Vorbeugung ist die beste Medizin!"

Herzliche Grüße,
Ihr Josef Martin Tatschl, MSc.


Tatschl, J. M., Hochfellner, S. M., & Schwerdtfeger, A. R. (2020). Implementing Mobile HRV Biofeedback as Adjunctive Therapy During Inpatient Psychiatric Rehabilitation Facilitates Recovery of Depressive Symptoms and Enhances Autonomic Functioning Short-Term: A 1-Year Pre–Post-intervention Follow-Up Pilot Study. Frontiers in Neuroscience, 14. https://doi.org/10.3389/fnins.2020.00738

Literatur auf Anfrage