23.06.2020

#12 Wie wir die Pandemie-Maßnahmen erleben und wie uns die Aktivierung unseres Parasympathikus helfen kann

Unser vegetatives Nervensystem hilft, uns angemessen zu Verhalten. Doch was angemessen ist bestimmen wir letztlich selbst und sind dabei reichlich subjektiv. In diesem Blog Artikel geht es darum, einmal auf die Hintergründe zu schauen. Zentral dabei ist die Frage warum unser Gehirn und unser Nervensystem so funktioniert.


Unser Gehirn ist auf die Lösung von Aufgaben spezialisiert. Und dabei agiert es möglichst effizient, also einfach. Hat es erst einmal eine Strategie entwickelt, dann funktioniert dieser Problemlöse-Mechanismus automatisch. Das heißt: Unser Gehirn gibt immer dieselbe Antwort auf eine (vermeintlich) identische Fragestellung.

Ein gutes Beispiel für diese Mechanismus ist das Zähneputzen. Haben wir hier eine Routine entwickelt, so gehen wir künftig immer nahezu identisch vor. Dies wird uns dann bewusst, wenn sich die Voraussetzung ändern. Wenn wir uns beispielsweise verletzt haben und die Zahnbürste in die andere Hand nehmen müssen. Die Antwort auf das „Problem“, die Aufgabe, bleibt zwar nahezu identisch – wir putzen uns einfach die Zähne – und doch verändert sich unser Erleben drastisch. Denn die automatisierten Prozesse können nicht einfach an die andere Hand weitergegeben werden.

Ähnlich wirken sich die sozialen Veränderungen durch die Maßnahmen gegen die aktuelle Corona-Pandemie aus. Alleine bei einer Begegnung auf das Händeschütteln zu verzichten, unterbricht bekannte und einstudierte Rituale. Die Unterbrechung der Routine erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit. Dies bedeutet mehr Arbeit für unser Gehirn und löst dadurch eine Alarmreaktion aus. Eine Standardsituation wird zum Ausnahmezustand, auf den sich unser Gehirn mittels der Sinneskanäle konzentrieren muss. Das damit einhergehende Gefühl erleben wir als Furcht. Furcht nämlich dient im evolutionären Sinn in einer derartigen Situation dazu, möglichst viele Informationen aus unserer Umwelt gleichzeitig wahrzunehmen, um daraus eine Handlungsoption abzuleiten.

Wir alle haben während der Pandemie Situationen erlebt, in denen wir diese Furcht gespürt haben. Allerdings gehen die Menschen sehr unterschiedlich mit diesem Gefühl um. Während es den einen stark belastet, weil er oder sie sowieso schon einen „Thriller im Kopfkino“ laufen hat, äußert sich es bei dem anderen als gewisse Irritation. Mache ich mir diesen Hintergrund für meine Gefühl bewusst, so erlaubt mir dies einen anderen Umgang mit der Situation. Statt also in der Furcht zu verweilen und damit in einer Art Lähmung, kann ich mich bewusst entscheiden, eine neugierige Haltung einzunehmen, um so aktiv und konstruktiv mit der Situation umzugehen. Ich lege gewissermaßen eine andere Filmrolle ein. Diesen Mechanismus haben wir im Kapitel Nummer 3 des Parasympathikus Prinzips geschrieben. Und genau darum geht es auch in meinem neuen Buch “Wenn du kein Problem hast, mach dir eins“*: Herausforderungen in unserem Leben erzeugen Gefühle, und anhand unserer Erfahrungen reagieren wir mit bewährten Strategien. Die vielleicht nicht immer die nützlichsten sind.

Denn oft müssen wir eben neue Strategien produzieren, um ans Ziel zu kommen. Für unser Gehirn sind Veränderungen jedoch eine Herausforderung und wir erleben es oftmals anhand des Gedankens: „Das habe Ich immer schon so gemacht, das mache ich auch weiterhin so.“

Unser Gehirn versucht also, ein Problem immer mit der gleichen Strategie zu lösen. Kommen wir damit nicht zum Ziel, dann treibt es uns in der Regel dazu, die Leistung zu erhöhen, um das gewünschte Ergebnis doch noch zu erreichen. Diese „Mehr vom Selben“ pusht unseren Sympathikus und dies erschöpft uns langfristig. Auf Dauer kann dies zum Burn Out führen. Dabei könnte man mit einer anderen Strategie das Ziel vielleicht mit viel weniger Aufwand erreichen, doch im Stress (also im Sympathikus-betonten Zustand) setzt unser Gehirn auf das Bekannte und damit vermeintlich Bewährte.

Um andere Lösungswege zu erkennen, ist es ein guter Anfang unseren Parasympathikus zu stärken. Es geht uns dann nicht nur unmittelbar besser: Da eine solche Ausgeglichenheit auch die Basis dafür ist, umfassender zu urteilen und neue Lösungen zu entdecken, zu erkennen, in welchem Film wir uns befinden und diesen bei Bedarf zu wechseln, stellen wir die Weichen für die Zukunft. Vielleicht haben Sie jetzt wie ich selbst Lust dazu, einmal tief durchzuatmen und dabei die eine oder andere Sorge durch Neugier zu ersetzen. Aus meiner Sicht brauchen wir genau dies in dieser Zeit.

Ihr Dr. med. Franz Sperlich

Dr. med. Franz Sperlich


* Wenn du kein Problem hast, mach dir eins! Warum unsere grauen Zellen Herausforderungen brauchen - und wie wir damit glücklich werden
Erscheinungsdatum: 01.04.2020, 192 Seiten Verlag Gräfe & Unzer ISBN-10: 3833871350