23.04.2020

#10 Auf welche immunologischen Voraussetzungen trifft das Coronavirus?

Im Grunde wissen wir das alle aus eigener Erfahrung: Wenn wir uns sehr stark und vor allem über eine lange Zeit einem erhöhten Stresslevel aussetzen, sind wir anfälliger für Infekte. Das hat viele Gründe. Einer davon kann ein in Belastungssituationen weniger guter und erholsamer Schlaf sein. Die Anspannung des Tages kann in den Nachtstunden nicht völlig abgeschaltet werden. Das parasympathische Nervensystem kann also nicht vollständig für die notwendige nächtliche Regeneration sorgen. Diese Erholung fehlt uns und vor allem unserem Immunsystem. Eine wichtige Rolle spielen dabei unter anderem die Stresshormone. Durch den anhaltenden Stresslevel befindet sich unser Hormonsystem im Verhältnis zu lange und zu stark im „Kampf- und Fluchtmodus“. Dieser Modus ist aber nicht dafür gedacht, uns die meiste Zeit des Tages zu steuern, sondern eben nur in den „fürs Überleben wichtigen Situationen“. In unserem Buch Parasympathikus Prinzip gehen wir auf dieses Dilemma unseres vegetativen Nervensystems näher ein.


Die Corona-Pandemie hat wichtige Fragen aufgeworfen, denen Wissenschaftler auf der ganzen Welt nachgehen und natürlich interessiert auch uns Autoren dieses Thema brennend. Eine der interessantesten Fragen ist für uns: Warum erkranken Menschen so unterschiedlich stark an diesem Virus? Der eine Betroffene hat „nur“ Halskratzen – der andere bekommt eine komplizierte Lungenentzündung und wird beatmungspflichtig. Sogar innerhalb von Familien konnten wir diese großen Unterschiede im Verlauf der Erkrankung bei einzelnen Familienmitgliedern feststellen. Es muss etwas mit dem individuellen Immunsystem der Betroffenen zu tun haben – so die Vermutung. Die für eine gelingende Immunantwort verantwortlichen Zellen sind viele unserer Blutzellen, allen voran die Lymphozyten. Sie bilden die spezifischen Antikörper gegen Viren und sorgen so fürs Gesundbleiben und Gesundwerden.

Schon Luis Pasteur (1822 – 1895) hatte folgenden Zusammenhang für Infektionserkrankungen erkannt: „Der Erreger ist nichts – das Milieu ist alles“

Es kommt also weniger darauf an, wie gefährlich ein Erreger ist, sondern es kommt viel mehr darauf an, auf welches Milieu – welche immunologischen Voraussetzungen – er trifft. Das Milieu – das Immunsystem – entscheidet wie stark man erkrankt. In der medialen Berichterstattung der letzten Wochen kamen fortlaufend Virologen und Epidemiologen zu Wort. Gerade diese Berichte haben nicht unbedingt dafür gesorgt, dass unser Stressniveau gesenkt worden wäre. Leider haben sie uns alle eher weiter beunruhigt. Für die Klärung der oben genannten Fragen zum Thema Immunsystem wären eigentlich auch die Immunologen und vielleicht auch Psychologen gefragt gewesen. Sie hätten den Menschen Mut machen können. Unser Immunsystem ist nämlich keine starre Größe in uns, sondern es ist ein sehr dynamisches System. Und es ist auch nicht so, dass wir hilflos unserer guten oder weniger guten Immunfunktion ausgeliefert wären und nichts für sie tun könnten. Chronischer Stress ist einer der Faktoren, der das Immunsystem schwächt. Gute Ernährung mit ausreichend Nährstoffen und überhaupt ein ausgeglichener Lebensstil, stärken das Immunsystem. Dazu gehört das Wissen um unser vegetatives Nervensystem mit Sympathikus und Parasympathikus.

Erforscht werden diese Zusammenhänge weltweit. Eine dieser Forschungsrichtungen hat einen komplizierten Namen: Die Psycho-Neuro-Immunologie, kurz PNI. Dazu wird es, falls es die Corona-Infektions-Lage zulässt, im Herbst einen Kongress in Innsbruck geben. Dort werden sich internationale Forscher zu diesen interessanten Fragestellungen und ihren Forschungs-Ergebnissen austauschen. Hier die Ankündigung und nähere Informationen: https://www.psychoneuroimmunologie-kongress.at

Bleiben Sie gesund!
Ihre Dr. Ursula Eder

Dr. med. Ursula Eder